"The Christmas Truce 1914"
Oratorium für Sprecher, Solisten (SATB), 4-8-stimmig gemischten Chor und Orchester (Besetzung entspricht der des Requiems von W. A. Mozart: 2 Kl., auch Basseth., 2 Fg.; 2 Trp., 3 Pos.; Pk; 1. Vl., 2. Vl., Vle., Vc., Kb.)

- Libretto mit Texten in verschiedenen europäischen Sprachen aus Soldatenbriefen und Lyrik der Zeit um den 1. Weltkrieg, zusammengestellt von Stephan Adam.
- 25 Teile (Texte des Erzählers mit Orchestergrundierung, Solopartien, Chöre)
- Dauer: 70 Min.

Auftragswerk der 39. Fränkischen Musiktage - "Alle Menschen werden Brüder"

und des
Internationalen Chorforums (ICF)


Edition beim H.H.Musikverlag in Vorbereitung.

Zum Werk:

Dem Oratorium liegt eine wahre Begebenheit am Weihnachtstag 1914 zugrunde. An jenem Tag erklang „Schlaf in himmlischer Ruh“ in englisch-französisch-deutschem Sprachengemisch aus den Schützengräben der flandrischen Westfront. Die Kämpfe versiegten und die Soldaten feierten gemeinsam Weihnachten. Als „Christmas Truce“ ist diese „verbotene Fraternisierung“ bei unseren westlichen Nachbarn noch heute lebendig. Anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an den Beginn dieses schrecklichen Krieges hat das Internationale Chor-Forum in Deutschland einen Kompositionsauftrag an mich vergeben. Meine Textvorlage verarbeitet Originalzitate aus authentischen Briefen und Lyrik in den Sprachen der vor 100 Jahren beteiligten Länder.

Dem Initiator der 39. Fränkischen Musiktage "Alle Menschen werden Brüder" und des Internationalen Chorforums Gerhard Jenemann verdanke ich wichtige Textquellen und Empfehlungen zur die Erstellung des Librettos. Ebenso erfreut war ich über die Bereitschaft von Prof. Heiner Boehncke, einen Text auszuarbeiten, der diesen in Deutschland nicht sehr bekannten „Weihnachtsfrieden 1914“ in eindringlichen Worten, die einzelnen Sätze des Werkes begleitend, schildert.
Arbeitstechnisch begonnen habe ich das Oratorium mit dem brisanten Höhepunkt der Verbrüderungsfeiern: Vorsichtiges Sich-Annähern, gemeinsame Bestattungen, Tauschhändel, deftige Trinkgelage und ausgelassene Spiele lassen die ehemaligen Feinde sich allmählich solidarisieren, und es reift der Entschluss, weiteren Schießbefehlen zu trotzen. Dieser dramatischen Zuspitzung versuchte ich in dem Stück „Football along the firing line“ gerecht zu werden; es gibt in diesem Satz eine stetige Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven, die letztlich in den Worten „Refusez d’obéir“ gipfeln.
Ebenso spannend fand ich die klangliche Umsetzung jener Momente, in denen mit geradezu magischer Kraft einfache Liedmelodien die Stimmung in den Schützengräben verwandelte, dort, wo nun die Angst vor dem heimtückischen Feind langsam der Bereitschaft wich, den wunderlichen Friedensangeboten zu trauen. Der französische Soldat Marcel Decobert hat die damals entstandene, fast unwirkliche Atmosphäre in seinen Worten „Quelle impression ! D'un côté des chants religieux, de l'autre la fusillade, et tout ça sous un beau clair de lune en pleins champs, tout recouverts de neige“ anschaulich beschrieben.

Die Voraussetzungen für einen nachhaltigen Waffenstillstand waren durch die auf allen Seiten erlebten desillusionierenden Schrecken der vorangegangenen Monate sicher groß.
Es schien mir deshalb unumgänglich diesem „Horror“ des Kriegs, der wie ein blindwütiger „Drache“ wahllos Freund und Feind verschlingt, auch musikalisch Raum zu geben, damit das Besondere des folgenden Weihnachtsfriedens an der Westfront als klanglicher Kontrast wirken kann.

Bei der Sondierung verschiedener Texte zur Erstellung des Librettos ergriff mich die bittere Erkenntnis, dass offensichtlich die Vernunft aufgrund einer verbohrten Geisteshaltung keine Chance hatte. Um die Mentalität am Kriegsbeginn zu widerzuspiegeln, nahm ich gerne eine Idee Gerhard Jenemanns auf, das Oratorium mit einem Kriegslied aus der „Deutsche(n) Dresche“ zu beginnen, einer Liedsammlung, die wohl ganz dem „Mainstream“ jener Zeit entsprach.
Ich eröffnete das Werk nun mit einem Prélude fatal, einem Todesmarsch: Über dem düsteren Gleichschritt des Orchestersatzes singt der Männerchor in grotesk fremder Tonalität eines dieser älteren Lieder mit dem neuen, martialisch menschenverachtenden Text. Aufgenommen vom verzerrenden Gestus der Orchesterbegleitung endet das Lied aber unvollständig im Irrsinn monotoner Spielfiguren.

Diese wahnhafte Ideologie, die dem Krieg vorausging, bildet auch in dem Satz „Unspeakable things in order to kill“ für Bass- und Chor die Grundlage zu einer musikalischen Auseinandersetzung. Der kampfestrunkene Text, dem ich die Melodie des Marsches „Preußens Gloria“ unterlegt habe, gibt einen guten Einblick in das verquere Denken, das vor allem auch gebildete Köpfe beherrschte. Der Satz ist so komponiert, dass der Chor den aberwitzigen Worten des Bassisten mehrsprachig protestierend durch Zwischenrufe entgegentritt; das steigert sich bis zum Versuch ihn niederzuschreien. Der Solist behauptet sich leider, wenn er auch metrisch aus dem Tritt gerät und sich in tumben Wiederholungen verliert.
Erst die Orchesterklänge - man achte dabei zum einen auf das Fagott, das die Melodie des Bassisten chromatisch zu zerfleddern versucht, zum anderen auf den sich allmählich von oben nach unten aufbauenden „Katastrophenklang“ der Streicher – beenden in einem sich mehrfach formierenden Aufschrei die verbalen Entgleisungen des Solisten.

Um der Trauer und resignativen Stimmung Zeit zu geben, habe ich mich für die komplette Vertonung des Gedichts „Een vrucht, die valt“ des flämischen Dichters Karel van de Woestijne entschieden. Es ist zwar kein Gedicht über den Krieg, ich hielt ihn aber aufgrund seiner Melancholie mit dem Schlüsselsatz „De tijd is dood“ für besonders geeignet, um der Region Europas, die mit am meisten unter der deutschen Invasion und dem Krieg gelitten hat, Rechnung zu tragen.

Hätten sich die einfachen Soldaten mit ihrem Friedensversuch schon 1914 durchgesetzt, wäre uns vielleicht eine spätere Menschheitskatastrophe von noch scheußlicherem Ausmaß (Hitler, 2. Weltkrieg, Holocaust) erspart geblieben. Erst seit der Überwindung dieser Schreckenszeit können wir die Früchte eines jahrzehntelangen Friedens genießen.
So griff ich im Epilog zum einen auf das biblische Bild des „Drachen“ aus der Offenbarung des Johannes zurück und bettete sie in die verzweifelt warnenden Rufe des französischen Dichters Jules Romains in seinem Gedicht „Europe“.
Zum anderen inspirierte mich dessen feinsinniger Vergleich der europäischen Visionen von Völkerverständigung, Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie mit einer Pflanze, die Steine durchbricht, zur Gestaltung eines von leiser Hoffnung getragenen Schlusses.